1000 neue Jobs, doch 10tausende verloren? Lyten / Northvolt-Verlust vs. Corona-Soforthilfen
Ein Kommentar von mir (u.a. Autorin des Buches #Existenzgefahr) zu Steuergeldverlust, Zerstörung von Kleinbetrieben und unterschiedlichen Maßstäben / doppelter Moral bei der Standortpolitik.
Darum geht es:
„Nur“ noch rund 200 Millionen Euro Schaden für Schleswig-Holstein, plus genauso viel für den Bund, stehen im Raum. Dafür die Aussicht auf etwa 1.000 neue Arbeitsplätze durch das US-Unternehmen Lyten, welches das Werk von Northvolt in Heide übernimmt. Möglicherweise künftig auch zur Herstellung von Batterien für militärische Anwendungen?
Parallel dazu prüft die Investitionsbank Schleswig-Holstein weiterhin Corona-Soforthilfen und fordert Gelder von Solo-Selbstständigen und kleinen Betrieben zurück. Häufig geht es um wenige Tausend Euro – für die Betroffenen trotzdem um ihre berufliche und private Existenz, sowie mehrere 10.000 Jobs.
Rechtlich sind das unterschiedliche Verfahren. Politisch führen sie jedoch zu einer grundsätzlichen Frage:
Wie lassen sich Steuergerechtigkeit und Moral mit dem fehlenden Schutz kleiner Existenzen samt Arbeitsplätzen in Einklang bringen – im Vergleich mit der „Rettung“ eines einzigen Betriebes?
Denn Standortpolitik findet nicht nur auf einer 110 Hektar großen Industriefläche bei Heide statt. Sie betrifft ebenso Tausende kleine Unternehmen, Selbstständige und Familienbetriebe im ganzen Land.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Noch kein Verkauf: Lyten hat bislang nur eine rechtlich unverbindliche Absichtserklärung zur Übernahme der Northvolt-Drei-Vermögenswerte unterzeichnet. Ein endgültiger Kaufvertrag wird für das dritte Quartal 2026 angestrebt.
- Rund 200 Millionen Euro Schaden: Schleswig-Holstein muss nach der Northvolt-Insolvenz trotz gesicherter Mittel und eines möglichen Verkaufserlöses relativ sicher einen dreistelligen Millionenbetrag als Verlust einstecken.
- 1.000 Stellen sind eine Aussicht, keine Bilanz: Northvolt hatte rund 3.000 Arbeitsplätze angekündigt. Lyten stellt nun etwa 1.000 direkte Stellen in Aussicht. Entstanden sind sie bislang nicht.
- Verteidigung gehört zum Geschäftsmodell: Lyten entwickelt und produziert gezielt Batterien für militärisch nutzbare Drohnen, autonome Systeme und den US-Verteidigungssektor. Welche Produkte in Heide gefertigt werden sollen, ist bisher nicht öffentlich geklärt.
- Umfangreiche Soforthilfe-Rückforderungen: Von rund 468 Millionen Euro ausgezahlten Corona-Soforthilfen wurden nach Angaben der IB.SH etwa 360 Millionen Euro von rund 46.000 Empfängerinnen und Empfängern zurückgefordert; etwa 200 Millionen Euro waren bis Juni 2026 zurückgezahlt. 160 Mio. fehlen also noch.
- Zehntausende Arbeitsplätze in der Modellrechnung: Mehr als 50%, rund 27tsd., Betriebe sollen in SH noch Corona-Soforthilfen zurückzahlen. Bei angenommenen drei Arbeitsplätzen je Betrieb ergibt sich ein modellhafter Risiko-Korridor von 82.332 Arbeitsplätzen – keine amtliche Zahl, aber eine relevante Größenordnung.
| Vergleich | Northvolt / Lyten | Corona-Soforthilfen
(nur die Hilfen aus Frühjahr 2020) |
| Betroffene Einheiten | ein (1) wirtschaftliches Großprojekt | Zehntausende (!) kleine Betriebe |
| Arbeitsplätze | ca. 1.000 erhoffte neue Stellen | modellhaft bis zu 82.332 bestehende Jobs sind in Gefahr |
| Öffentliche Mittel | ca. 200 Mio. Euro Schaden für SH | ca. 160 Mio. Euro zurückgefordert, aber noch nicht zurückgezahlt; über alle Corona-Hilfsprogramme hinweg ca. 293 Mio. Euro offen (nur in SH) |
| Politischer Blick | Zukunftstechnologie > Ansiedlung > wirtschaftliche Standortvorteile im Blick | Rückforderungen > Insolvenzen > Folgen für Betriebe, Jobs, Familien und Standort egal? |
| Risiko | auf ein Projekt konzentriert | auf viele (!) Existenzen und Regionen verteilt |
| Kernproblem | Soviel (Steuer-)Geldverschwendung für 1 Firma und 1000 Mitarbeiter? Möglicherweise für millitärische Zwecke der USA? | Rückforderungen obwohl kurz-, mittel- und langfristig 10tausende ihre Jobs verlieren? In vielen Branchen, insbesondere Tourismus? |
Rund 200 Millionen Euro Schaden – und wieder neue Versprechen
Northvolt wollte bei Heide eine Batteriefabrik bauen und rund 3.000 Arbeitsplätze schaffen. Dafür erhielt das Unternehmen eine Wandelanleihe der KfW über 600 Millionen Euro, abgesichert je zur Hälfte durch Bund und Land. Nach der Insolvenz der schwedischen Muttergesellschaft konnten 153 Millionen Euro gesichert werden. Der geschätzte Schaden für Schleswig-Holstein liegt nach NDR-Angaben dennoch bei rund 200 Millionen Euro. Ein Verkauf könnte weitere Mittel zurückbringen.
Nun soll Lyten übernehmen. Unterzeichnet wurde am 1. Juli 2026 jedoch lediglich ein exklusives „Memorandum of Understanding“ . Es schafft die Grundlage für weitere Verhandlungen, ist aber kein verbindlicher Kaufvertrag. Als möglicher Kaufpreis stehen rund 60 Millionen Euro im Raum. Lyten spricht von rund 1.000 direkten Arbeitsplätzen und einer langfristigen Nutzung des Standorts. Wesentliche Vertragsbedingungen werden nicht veröffentlicht; auch mögliche weitere Fördermittel sind bislang nicht abschließend geklärt.
Natürlich muss für das Gelände und die bereits geschaffene Infrastruktur eine wirtschaftliche Verwendung gefunden werden. Daraus darf aber keine nachträgliche Erfolgsgeschichte konstruiert werden. Noch ist die Übernahme nicht abgeschlossen, noch ist kein neuer Arbeitsplatz entstanden und noch ist nicht transparent, welche weiteren Risiken die öffentliche Hand tragen könnte.
Was soll in Heide produziert werden?
Lyten bezeichnet den geplanten Standort als Zentrum für „saubere“ Batterieproduktion, industrielle Fertigung und KI-Infrastruktur. Gleichzeitig nennt Unternehmenschef Dan Cook Elektrifizierung, KI-Rechenzentren und Verteidigung ausdrücklich als Wachstumstreiber. Zum Produktportfolio gehören laut Lyten Batterien für Drohnen und autonome Systeme sowie NMC-Batterien für Mobilität, Verteidigung und stationäre Speicher.
Noch deutlicher ist eine Unternehmensmitteilung vom 8. Mai 2025: Lyten kündigte eine auf die nationale Sicherheit der USA ausgerichtete Drohneninitiative an. Das Unternehmen reserviert Produktionskapazitäten für den US-Verteidigungs-, Drohnen- und Satellitensektor. Die Batterien sollen längere Flugzeiten, größere Reichweiten und höhere Nutzlasten militärisch nutzbarer unbemannter Systeme ermöglichen. Lyten nimmt dafür bereits Bestellungen entgegen und verweist auf eine Zusammenarbeit mit der Defense Innovation Unit des US-Verteidigungsministeriums.
Damit ist belegt: Lyten entwickelt und produziert gezielt Batterien für militärisch nutzbare Drohnen, autonome Systeme und den US-Verteidigungssektor.
Nicht belegt ist, dass diese Produkte bzw. die Batterien dafür künftig in Heide hergestellt werden. Genau deshalb muss die Frage vor einem endgültigen Vertragsabschluss und erst recht vor weiteren Förderentscheidungen beantwortet werden. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, welche Produktion geplant ist und welche zivilen oder militärischen Märkte bedient werden sollen.
Die Erzählung von der „sauberen Batterieproduktion“ reicht nicht. Eine Technologie ist nicht automatisch friedlich oder nachhaltig.
Entscheidend ist auch, wofür sie eingesetzt wird!
Währenddessen geraten kleine Betriebe weiter in Bedrängnis
Im Frühjahr 2020 sollten die Corona-Soforthilfen das wirtschaftliche Überleben von kleinen Unternehmen und Selbstständigen sichern. In Schleswig-Holstein zahlte die Investitionsbank ursprünglich rund 468 Millionen Euro aus. Dahinter standen insgesamt etwa 56.000 Anträge.
Wichtig: Mit „Corona-Soforthilfen“ sind ausschließlich die im Frühjahr 2020 ausgezahlten Soforthilfeprogramme gemeint – nicht die späteren Neustart-, Überbrückungs-, November- oder Dezemberhilfen.
Bis Juni 2026 wurden nach Angaben der IB.SH rund 360 Millionen Euro von etwa 46.000 Empfängerinnen und Empfängern zurückgefordert. Rund 200 Millionen Euro waren bereits zurückgezahlt. Das zweite Rückmeldeverfahren war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen; außerdem liefen rund 3.600 Widerspruchsverfahren.
Damit wurde ein erheblicher Teil der ursprünglich als schnelle und unbürokratische Existenzsicherung ausgezahlten Soforthilfen Jahre später zurückgefordert. Dabei beruhen Rückforderungen nicht zwangsläufig auf Betrug oder bewusst falschen Angaben, sondern vielmehr aus nachträglichen, mehrfachen Programmänderungen – die erstaunlicher Weise auch rückwirkend angewendet werden.
Dass eindeutig zu viel gezahlte öffentliche Mittel zurückgefordert werden, ist grundsätzlich richtig. Aber Rechtskonformität beendet nicht die politische Verantwortung. Die Hilfen wurden unter extremem Zeitdruck entwickelt und als schnelle, unbürokratische Existenzsicherung für die Antragsteller (also Inhaber, Eigentümer, Solostelbstständige) kommuniziert. Die Antragstellenden mussten einen künftigen Liquiditätsengpass schätzen, obwohl Dauer und wirtschaftliche Folgen der staatlichen Einschränkungen nicht absehbar waren.
Wer trägt die Folgen unklarer Vorgaben, wechselnder Auslegungen und damaliger politischer Versprechen? Offenbar vor allem diejenigen, die 2020 auf die Hilfe vertraut haben.
Sind Arbeitsplätze kleiner Betriebe weniger wert, als die wenigen eines einzigen Investorenprojekts?
Beim Northvolt-Projekt wurden Hunderte Millionen Euro öffentliches Risiko mit Zukunftstechnologie, Standortsicherung und versprochenen Arbeitsplätzen begründet. Nach dem Scheitern wird erneut nach vorn geschaut: ein neuer Investor, ein neues Konzept, rund 1.000 mögliche Stellen.
Kleine Unternehmen dagegen erscheinen als Tausende Einzelfälle in Verwaltungsverfahren. Ihr wirtschaftliches Risiko bleibt weniger sichtbar, weil es sich auf viele Orte, Branchen, kleine Unternehmern und Soloselbständige, Beschäftigte und Familien verteilt.
Doch 100 gefährdete Arbeitsplätze in 30 kleinen Betrieben sind volkswirtschaftlich nicht weniger wert als 100 Stellen in einer Fabrik.
Kleine und mittlere Unternehmen bilden aus, zahlen regional Steuern, vergeben Aufträge und tragen Innenstädte sowie ländliche Räume – um machen generell 99% der Wirtschaft aus.
Das DenkRadar-Dossier veranschaulicht die Größenordnung mit 27.444 Betrieben. Bei durchschnittlich drei Arbeitsplätzen ergibt sich ein modellhafter Risiko-Korridor von 82.332 Jobs. Diese Zahl sagt nicht voraus, dass alle Stellen verloren gehen. Sie zeigt aber, dass hinter den Rückforderungsverfahren ein erheblicher Teil der regionalen Wirtschaftsstruktur stehen kann.
Kein Freibrief – aber gleiche Maßstäbe und Moral gefordert
Es geht nicht darum, alle Soforthilfen ungeprüft abzuschreiben. Bewusst falsche Angaben und eindeutig unberechtigte Zahlungen (inbesondere regelrechter Betrug) müssen Konsequenzen haben.
Notwendig ist aber eine Verwaltungspraxis, die Verhältnismäßigkeit, Vertrauensschutz und Härtefälle ernst nimmt. Zwischen vorsätzlichem Missbrauch und nachvollziehbaren Fehlannahmen in einer historischen Ausnahmesituation muss unterschieden werden. Es müssen im Antragszeitraum bestandene Ziele und Regeln von EU, Bund und Hilfeprogramm (Existenzsicherung der Antragsteller und Erhalt der Unternehmen in der Pandemie) eingehalten werden; nur dort, wo von Anfang an klar war, dass es Aufrechnungen geben wird, sollen Stundungen, Ratenzahlungen und mögliche Erlasse auch greifen, nicht erst, wenn die Existenz bereits zerstört ist.
Schleswig-Holstein braucht industrielle Investitionen. Das Land braucht aber ebenso seine bestehenden kleinen und mittleren Unternehmen. Die politische Botschaft darf nicht lauten:
Bei einem Großprojekt nehmen Bund und Land Hunderte Millionen Euro Risiko in Kauf, weil Arbeitsplätze entstehen könnten. Bei kleinen Betrieben wird konsequent zurückgefordert, weil jeder Euro Steuergeld zählt.
Beide Seiten müssen an denselben Grundsätzen gemessen werden: Rechtmäßigkeit, Transparenz, Verhältnismäßigkeit, Vertrauensschutz, wirtschaftlicher Nutzen und Sicherung von Arbeitsplätzen.
Klar ist doch: Steuergerechtigkeit darf nicht bedeuten, bei den Kleinen härter hinzusehen als bei den Großen.
Standortpolitik beginnt nicht erst bei der Fabrikansiedlung mit politischem Kameratermin. Sie beginnt bei jedem Betrieb, der Menschen beschäftigt, ausbildet, Steuern zahlt und trotz mehrerer Krisen noch immer versucht, weiterzumachen.
Und dann müssen wir uns natürlich auch noch die Frage stellen: Wofür wollen Politik, Wirtschaft, Bürger, etc. noch Jahrzentelang viele, vielen Millionen nebst Zinsen zurückzahlen?
Für viele, viele kleine, kommunale Betriebe aus diversen Branchen (u.a. aus der Tourismusbranche) oder für 1 Werk, das Waffen herstellt?
Quellen
- DenkRadar. (2026, Feb.). Rückforderungen Corona-Soforthilfen SH in 2025/2026. Abgerufen am 21. Juli 2026.
- HOGA, (2026, 8. Juni). Corona-Hilfen: Schleswig-Holstein fordert knapp 300 Millionen Euro zurück.
- Investitionsbank Schleswig-Holstein. (2024, 10. Mai). Bund und Land starten erneut Rückmelde-Verfahren zu Corona-Soforthilfen.
- Lyten. (2025, 8. Mai). Lyten announces next-generation drone propulsion initiative to support U.S. national security needs with American-made lithium-sulfur batteries.
- Lyten. (2026, 1. Juli). Lyten signs exclusive MOU to progress acquisition of Northvolt Drei assets in Germany.
- NDR Schleswig-Holstein. (2026, 1. Juli). Northvoltbaustelle: Verkauf an Lyten rückt näher.
- NDR Schleswig-Holstein (Stand 2026, April) Northvolt-Chronologie












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