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Die geplante Elektrifizierung von Schleswig-Holstein wirkt erschreckend. Bald soll eine e-Highway-Teststrecke für Elektro-LKWs auf der A1 vor Lübeck gebaut werden. Aber das ist nicht alles … WLAN wird gewünscht – überall; es werden zukünftig viele Funkmasten gebaut werden. Zudem brauchen die Süddeutschen Windenergie aus dem Norden; die Skandinavier wollen Güter transportieren und wir machen dafür unser Bundesland zum zweiten Ruhrpott?

Wird Schlewig-Holstein ein Land voller LKW´s, Funk-Masten, Bahngleisen, Windrädern und Stromtrassen – soweit das Auge reicht? Wo dann Touristen wegbleiben; Hotels und Gastromen pleite gehen; mit Verkehrs-Chaos in Stormarn und rund um Lübeck? SH – dann ein ländlicher Raum, in dem Wohnen nicht mehr schön ist? Mit Gefahrenquellen, die kaum zu überblicken sind? 

2016 war die A1 im Raum Nord-Stormarn & Lübeck der Verkehrunfallsreichste von SH! (lt Blaulichtmonitor vom SHZ)

Mein kreativer Kopf zeigt mir die Zukunft, ein Gesamtbild von dem, wohin uns die Energie-, Funk- und Transport-Konzerne in Schleswig-Holstein führen werden – wenn wir nichts dagegen tun. In Gedanken (in 2, 3 Jahren) fahre ich an einem Freitagnachmittag in Reinfeld auf die Autobahn. Mit Hund und Kind will ich an die Ostsee, einen Spaziergang am Strand machen. Die Fenster sind offen und der frische Wind weht mir durchs Haar. Kaum habe ich die Auffahrt genommen, schweift mein Blick über die Wiesen und Felder links und rechts der Autobahn. Aber mein Blick bleibt nicht lange ungetrübt …

Was viele Jahre meines Lebens mein Herz freudig zum Hüpfen brachte und Touristen Jahr für Jahr anlockte, ist – verbaut: Die Weitsicht.

Die Weitsicht ist weg!

Die grünen und gelben (Raps-) Felder Schleswig-Holsteins sind schon zu 17% dem Maisanbau  gewichen. Zudem sind sie – und es werden noch mehr – von Windkraftanlagen verbaut (zur Energiegewinnung …). Rotorblätter drehen sich kraftvoll, verursachen Windgeräusche und holen Vögel vom Himmel. Die wenigen Häuser und Höfe am Rande der Autobahn sind stellgelegt. Hier will keiner mehr wohnen!

Wegen des Fehmarnbelt-Tunnels (zwecks Transport von Gütern) wird nach und nach die Bahnstrecke im Innenland ausgebaut – überwiegend parallel zu den Autobahnen. Im 15-Minuten-Rythmus rauschen irgendwann unendlich lange ratternde Güterzüge durchs Land.

Gesund kann das auch nicht sein …

Ebenso säumen die neuen Hochspannungsleitungen die Autobahnstrecken – in alle Himmelsrichtungen. Sie sollen den Strom, der von den Windkraftanlagen produziert wird, in den Süden von Deutschland und andere Länder bringen. In der Nähe dieser Leitungen spürt man die Energie – zum Selbsttest: stellt euch einfach mal direkt unter so eine Hochspannungsleitung. Ihr werdet es merken. Fakt ist:

Wo Elektrizität erzeugt, transportiert und genutzt wird, entstehen unvermeidliche elektrische und magnetische Felder. Elektrosmog. Die stärksten Belastungen treten in unmittelbarer Nähe von Transformatorenstationen und Hochspannungsleitungen auf. … Unter einer 380-kV-Hochspannungsleitung kann die elektrische Feldstärke in Bodennähe bis zu 5000 V/m betragen (Quelle: Bundesamt für Umwelt, CH)

Der Baubiologe Maes veröffentlichte vor Jahren diese pdf (zuletzt aktualisiert 2016) – darin heißt es unter Anderen:

  • bei 1 V/m wird der Schlaf des Menschen gestört;
  • bei 100 V/m werden Bienen aggressiv – und ab wann die Menschen?
  • Bei 2000 V/m werden Herzschrittmacher beeinflusst.
  • Und vieles mehr, was alles nicht gesund klingt …

In meiner Zukunfts-Vision sehe ich zudem die neue e-Highway-Teststrecke (auch zwecks Transport von Gütern).

Ihre Stromleitungen sind unter die neuen Hochspannungsleitungen gequetscht. LKW´s drosseln hier ihr Tempo, um ihre Batterien aufzuladen. Ständig gibt es technische Probleme, LKW´s stehen dann auf der Bahn und zack – da ist er wieder: ein Stau. Mit hoher Unfallgefahr. Was passiert, wenn ein Fahrzeug in die stromführenden e-Highway-Anlage rauscht? Wenn es brennt? Feuer, Kraftstoffe und stromproduzierende Anlagen zusammen klingen nach einem hohem Risiko… Können Rettungssanitäter, Feuerwehr, Polizei gegebenfalls überhaupt eingreifen oder geraten sie selbst massiv in Gefahr? Diese Fragen beschäftigen mich in meiner fiktiven Situation in der Zukunft. Ganz klar sehe ich aber:

Stau; immerzu Stau – zum Leid der Einheimischen und regionalen Betriebe.

Die Staus sind so häufig geworden, dass die Leute von hier die Autobahnen möglichst meiden –  vor allem die A1. Aber das geht nicht immer … In diesem Moment meldet mir mein Smartphone einen 12 km langen Stau bis weit hinter Lübeck. Ein Handwerker mit seinem Firmenwagen aus Oldesloe direkt neben mir, haut mit der Faust aufs Armaturenbrett. Wie andere regionale Betriebe wird er seine Termine nicht einhalten können – das ist schlecht fürs Geschäft.

Ich fluche und schaue rechts – genervte Autofahrer mit Kennzeichen von überallher setzen den Blinker und reihen sich in die Abfahrt Richtung Rostock. Ob die Urlauber jetzt noch häufiger nach Mecklenburg-Vorpommern fahren? Schleswig-Holstein hat schon jede Menge Touristen an das neue Bundesland verloren. Steigen jetzt die Zahlen der Abwanderer?

Was wird es für Folgen haben, wenn Schleswig-Holstein mehr und mehr von Masten und Trassen verbaut wird?

Das beliebteste Urlaubsland der Deutschen wird Gäste verlieren.

Die Tourismus-Branche wird leiden! Denn: Die Urlauber kommen wegen der Weitsicht, dem frischem Wind und des Meeres wegen.

Mindestens die Weitsicht wird es zukünftig so nicht mehr geben!

Gerade die vielen Menschen aus NRW, die Ruhrpottler zum Beispiel reisen nach SH, weil sie ungestört die Wiesen und Felder und die Wellen sehen wollen. Doch, was ist, wenn es in SH genauso aussieht wie Zuhause? Die Frage ist einfach zu beantworten: Es wird ein neues Urlaubsziel gesucht. In Meck-Pom, vielleicht wird es dann auch lieber Norditalien?

Schleswig-Holstein lebt (noch) vom Tourismus!

Aber nicht mehr lange, wenn alle unten aufgeführten Vorhaben durchgeführt werden sollten!

Und wofür? Damit Welt-Konzerne aus dem Energie- und Transport-Branchen noch viel größer und stärker werden? Das, obwohl weltweit die Emissionswerte steigen und unsere Bemühungen darum, den CO2-Ausstoß zu senken, sinnlos verpuffen? Dies, weil Großmächte am anderen Ende Welt wenig Rücksicht auf die Umwelt nehmen?

Dafür lassen wir uns die Landschaft verschandeln?

Und gehen gesundheitliche Risiken ein? Siehe Umwelt-im-Unterricht.de

Laut einem NDR-Bericht (siehe Link unten) will die Landesregierung Schleswig-Holstein zum Top-Windstrom-Exporteur machen – der Rest von D wird über uns lachen! Die im Süden brauchen Strom, die Dänen wollen Güter transportieren und wir machen dafür unser Bundesland zum zweiten Ruhrpott.

Würde unsere Landesregierung alternativ sagen. „Wir wollen, dass SH das TOP-Ferienland von Deutschland wird!,“ würde ich das beispielsweise unterstützen. Klar Touristen können auch echt nerven. Aber die sind ja die Hälfte des Jahres nicht da!“ sage ich, die Autorin Susanne Braun-Speck.

Abschließend:  die Idee ist ganz und gar NICHT neu.

Zudem erzählte ein befreundeter Ingenieur (der lange Jahre u.a. in der Automobilbranche als Berater tätig war), dass LKW-eHighways jetzt schon überholte Technik sind! Neue Elektromotoren machen sie schon in Kürze überflüssig. Und: Neu ist die Idee überhaupt nicht. Viele Länder haben im letzten Jahrtausend bereits solche erprobt – und für nicht gut befunden.

Wer will das für SH? Ich nicht.


Unternehmerland Schleswig-Holstein

Rückgrat der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft ist der Mittelstand: Fast 99 Prozent der Unternehmen sind kleine und mittlere Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten (Warum erlauben wir es, das 1% Konzerne unser SH kaputt machen?). Der Anteil des Dienstleistungssektors (Handel, Logistik, Tourismus, Kommunikation, Finanz- und Versicherungsdienstleister sowie Dienstleistungen in den Bereichen Erziehung und Gesundheit) an der Bruttowertschöpfung liegt mit 75 Prozent deutlich über dem Bundesschnitt von 69 Prozent !!! Quelle

weitere Zahlen und Fakten:

  • Def. Elektrifizierung: Als Elektrifizierung wird allgemein die Bereitstellung der Infrastruktur in Form von Stromnetzen zum Transport und Versorgung mit elektrischer Energie bezeichnet. (Quelle: Wikipedia)
  • e-Highway von Siemens: Die Oberleitungslastkraftwagen sind nur modernisiert. Es gibt sie in verschiedenen Formen mindestens seit 1901 – in vielen Ländern wurde ihr Betrieb nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Quelle: wikipedia -> weiterlesenInfo-Seite von Siemens
  • Windkraft in SH, Stand 2016-12: Mit noch mehr Windrädern will die Landesregierung Schleswig-Holstein zum Top-Windstrom-Exporteur machen. Den Politikern sind die Bürger egal. Neue Anbauflächen und andere W-Fragen werden hier beantwortet: NDR  – zum Vogel-Dilemma siehe NABU
  • Fehmarnbelt-Tunnel: Skandinavien und Deutschland sollen verbunden werden – überwiegend zum Transport von Gütern. Unter der Ostsee soll ein 18 Kilometer langer Tunnel für Schiene und Straße gebaut werden. Wie sehr die Umwelt (Natur- und Tierwelt) darunter leiden wird, können wir kaum absehen. Siehe weiteres unter: https://femern.com/de
  • Schienenanbindung der Festen Fehmarnbeltquerung: Im Rahmen dessen soll die Bahnstrecke von Fehmarn bis Hamburg ausgebaut werden. Dies mit dem Ziel umweltgerechten Transport zu ermöglichen – mehr Güter kommen auf die Schiene, der Schienenweg für Warentransporte verkürzt sich um 160 Kilometer, Emissionseinsparungen gibt es auch. Weitere Infos unter: https://www.anbindung-fbq.de/
  • Mais-Anbau: Wie andere Energieträger hat auch der Anbau nachwachsender Rohstoffe seine ökologischen Schattenseiten: Großflächige Raps-Monokulturen zur Herstellung von Biodiesel führen teils zu einem erheblichen Rückgang der Biodiversität in der Agrarlandschaft. Quelle und weitere Informationen: https://www.kritischer-agrarbericht.de
  • Netzausbau SH: Nach dem Netzausbau-Konzept soll der Windstrom, der überwiegend an der Nordsee, in Nordfriesland, Dithmarschen, Ostholstein und Schleswig-Flensburg erzeugt wird, vor allem über 110-kV-Stichleitungen zu 380-kV-Umspannwerken geführt und von dort über (zu erschaffende) 380-kV-Leitungen nach Süddeutschland transportiert werden. Pläne, etc siehe hier: https://www.sh-netz.com
  • Emissionswerte / CO2: siehe Statista.com

Reinfeld, Alte Schule. Es ist Montagmorgen und ich erlebe in einem Rollenspiel, wie es ist, ein Flüchtling in Deutschland zu sein. Das ist mit viel Warterei und Ungewissheiten verbunden. Aber was mich nachhaltig berührt, ist die WAHRE Geschichte einer Familie, die vielleicht in wenigen Tagen tödlich enden wird.

WP_20160808_10_15_15_ProUdo Reichle-Röber von der Diakonie führt uns, 8 deutsche Jugendliche zwischen 12 + 19 Jahren sowie zwei Mütter, durch den halben Tag. In dem geplanten Rollenspiel werden wir Deutschen zu Flüchtlingen, die auf dem Parkplatz der Alten Schule DIE Grenze überschreiten müssen. Die eigentlichen Flüchtlinge (mindestens genauso viele) und Udo werden zu Grenzschutzpolizisten, Beamten, freiwilligen Flüchtlingshelfern, Übersetzern, Heimleitern und Sprachdozenten. Sprache? Ist ein Problem. Ein Großes, wenn nicht sogar das Größte.

An der Grenze antworte ich auf die Fragen der Grenzpolizisten immer nur mit dem, was ich verständlich sagen kann.

Meinen fiktiven Namen. Ich bin jetzt Nouriyeh Amiri, 39 Jahre alt, aus Afghanistan, von wo ich mit meinem Mann Reza (Zahnarzt) und drei Kindern wegen der Taliban geflüchtet bin. Nie wieder will ich eine Burka tragen! Ich bin intelligent und gebildet. Mein Weltbild ist ein Westliches. Das meiner Eltern auch – sie sind dafür getötet worden.

Nachdem wir ins Land eingelassen wurden, registriert und in einer Sammelunterkunft untergebracht sind, warten wir – mal wieder. Diese Warterei macht mich verrückt. Untätig zu sitzen und zu warten, zu warten, zu warten, dass es irgendwie weitergeht – kaum zu ertragen. Es ist müßig Fragen zu stellen – sie werden nicht verstanden. Antworten kommen kaum. Die Beamten und Unterkunftsmitarbeiter sprechen halt nicht die vielen Sprachen von uns Flüchtlingen. Arabisch, Dari, Slowenisch-kroatisch, Persisch – da ich gebildet bin, spreche ich auch Englisch – aber das nützt mir nichts, die Beamten und die Unterkunftsleiterin sprechen nur ihre Muttersprache. Aber zum Glück kommt eine Übersetzerin dazu. Nach der Einweisung in das 8-Bettenzimmer müssen wir wieder warten.

Tatsächlich ist das hier und heute das erste Rollenspiel meines Lebens (mit Ende Vierzig). Uns wurde gesagt, wer aus der Rolle fällt, wird aus dem Spiel geschmissen. Aber wir schummeln trotzdem. Angelina (Name geändert), 11 Jahre jünger als ich und ihre älteste Tochter Babett (Name geändert) sind mit meinem „Mann“ (ein 12jähriger J) eine Weile in der Unterkunft allein. Unser Spielleiter ist irgendwo draußen.

alban familieWir brechen die Regeln. Die beiden echten Albanerinnen und ich tauschen uns über das wahre Leben aus.

Angelina spricht wenig Deutsch, aber das, was sie mir sagt und von ihrer hübschen, intelligenten Tochter in sehr gutem Deutsch ergänzt wird, lässt mir die Tränen kommen. „Wir müssen gehen“, sagt sie. „Schon bald, in den nächsten zwei Wochen.“ „Warum? Wohin? Was hat Euch hergebracht?“ will ich wissen und erfahre: „Mein Mann wurde von einer verfeindeten Familie umgebracht. Er ist tot. Ich musste mit den Kindern aus unserem Dorf fliehen!“

Seit April 2015 sind sie in Deutschland. Die kleinen Jungs sind in der Kita, die beiden jugendlichen Mädchen gehen in die Schule. Sie sollen Klassenbeste sein, lobt Udo später. Ich will Angelina noch was fragen, sehe aber die Angst und die Qual in ihrem Gesicht – mir kommen die Tränen. Ich spüre, was sie spürt: Angst und Verzweiflung. Die Angst, vielleicht bald eines der Kinder zu verlieren. Wir kannten uns bis vor einer Stunde nicht. Aber Mütter sind Mütter und wir fühlen in den Sekunden das Gleiche. Eine verlegene Umarmung von Fremden, unter Tränen, geboren von dem Verständnis unter Gleichgesinnten.

Anstatt weiter mit der deutschen Sprache zu ringen, zieht sie ein Schreiben an die Ausländerbehörde / Widerspruchsstelle aus der Tasche und gib es mir zum Lesen. In ihrem Widerspruch gegen die Abschiebung steht ihre Geschichte in Kurzform geschrieben:

Eine Rückkehr wäre Lebensbedrohlich

In Albanien führte ihre Familie eine teilweise blutige Fehde gegen eine andere Familie. Ein Mädchen aus der verfeindeten Familie hat Angelinas Mann umgebracht. Darauf sind sie und die Kinder geflüchtet. Denn: Rache ist gewiss. Die Mörderin ist verurteilt worden und sitzt im Gefängnis. Aber: diese hat vier Brüder. Die wohnen noch immer in dem albanischen Dorf. Sie haben das Haus von Angelina verwüstet (es ist wohl kaum bewohnbar) und warten nur auf den Zeitpunkt, um endlich Rache ausüben zu können.

Das hat nichts mit einem Glaubenskrieg zu tun. Nichts mit Politik oder Religion. Nichts mit den Taliban oder dem IS. Das hört sich nach einer kriminellen Geschichte an, nach einer Vendetta, nach etwas ganz Persönlichem. Wie soll diese Frau, dieser persönlichen Geschichte ausweichen? Deutschland will sie zwingen, ihre Kinder dorthin zurückzubringen, wo sie persönlich, ganz gezielt um ihr Leben gebracht werden können. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. So ist das bei Familienfehden in Albanien.

Wird die Mutter mit ihren vier Kindern von unserem Staat ans Messer geliefert?

Hilflosigkeit übermannt mich – wie kann das abgewendet werden? Selbst ein Anwalt hat ihnen nicht helfen können. Hat dieser Sachverhalt nur was mit Asylrecht zu tun? Geht es hier nicht um Schutz vor Mord und Todschlag von einzelnen Personen?

WP_20160808_11_59_08_ProDas Rollenspiel geht weiter. Unser Spielleiter meint im Vorbeigehen: „Passend zu Deiner Rolle solltest Du ein Kopftuch tragen.“ Ich habe einen Schal um den Hals. Nach Sekunden des Zweifels glaube ich, mich in die Rolle besser einfinden zu können, wenn ich es wirklich tue. Es ist ein leichter Sommerschal, ich spüre ihn kaum meinem Kopf, bin mir aber die nächste halbe Stunde sehr bewusst, dass er meine langen Haare abdeckt. Verändert er mich? Ein wenig schon. Gefühlt. Wirke ich jetzt anders auf Andere? Ich weiß es nicht.

Wir Flüchtlinge werden von einem unfreundlichen Sozialarbeiter (Udo) aufgefordert, seinen verschiedenen Anweisungen zu folgen. Wir Afghanen und Syrier sollen an einem Sprachkurs teilnehmen. Das tun wir gerne und folgen den Dozenten (in echt sind das zwei Kurdisch-Syrier) in die Küche der Alten Schule, die heute ein Schulungszimmer ist. Ich bin die einzige Erwachsene am Tisch, die anderen Schüler sind Kinder – sie verstehen unseren perfekt Englisch sprechenden Dozenten kaum. Ich übersetze einen Teil in unsere Muttersprache für sie.

Übrigens sollen wir Arabisch lernen!

Die Sprache hat kurze, knappe Worte aber die typischen Rachen- und Zischlaute kommen mir schwer über die Lippen. Aber es geht. Geschrieben wie ich es höre: „Marchaba“ heißt zum Beispiel „Guten Tag!“; „Zalom“ heißt „Tschüss“; „Amme“ heißt „Arbeit“; „Dschowall“ heißt „Handy“. Die zwischenmenschliche Barriere wird immer kleiner. Unsere beiden Dozenten sind sympathetische, kluge und offene junge Männer. Sie erzählen viel über die Sprachbarrieren und welche Probleme daraus erfolgen. Am Anfang war es am Schlimmsten. Das Aufnahmeverfahren; die erste Unterkunft; all die offenen Fragen, die sie niemanden stellen konnten. Die vielen Behördengänge; das nie Alleinsein in der Massenunterkunft; das Ringen um Sprachkurse; das Langweilen, weil sie nicht arbeiten durften.

Warten – das ist derzeit ihr „Job“. Gerne würden sie arbeiten.

Die Männer haben eine Chance; sie sind gebildet. Einer ist Journalist; ein anderer schreibt hobbymässig. Er hat einen PC. Ein Dritter war zuletzt in Dubai als Controller tätig gewesen (sein Business-Englisch ist deutlich wahrnehmbar), bevor er seine Familie aus dem heimischen Krieg nach Deutschland brachte. Zwei Filmemacher sind auch da. Bei ihnen allen herrscht Krieg in den Heimatländern. Sie dürfen bleiben, vielleicht für immer. Allesamt interessante Menschen, denen ich gerne wieder begegnen werde.

Aber sie, sie werde ich nicht wiedersehen können: Angelina mit ihren vier Kindern, die in Kürze in ihre Heimat ausgewiesen wird, wo sie nach albanischen Vendetta-Regeln mit tödlichen Racheakten zu rechnen hat. Die Spielteilnehmer sehen mich – mich, die sonst tatkräftige Kämpfernatur – noch zweimal emotional werden. Diese Familie ohne Vater hat keine Chance in ihrem alten Dorf. Werden Sie der Blutrache zum Opfer fallen? Oder gibt es einen Ausweg für sie?

In 2016 werde ich noch nachfinanzieren und wegen der unerwarteten Schäden beide Dächer neu decken lassen müssen. Ein erheblicher finanzieller Aufwand, mit dem ich nicht gerecht hatte …

Aber Innen ist sogut wie alles fertig; wenn auch noch ein paar kleine Restarbeiten liegen geblieben sind. Wir haben uns längst eingelebt und fühlen uns wohl. Von den Strapazen und „NervenSachen“ habe ich mich jetzt auch erholen können …

Ich bin echt froh, all das geschafft zu haben!

Den Umständen geschuldet, habe ich zudem einige „typische Männerarbeiten“ gelernt 🙂 Selbst war ich Planer, Manager und Troubleshooter, Einkäufer sowie Handwerker – ich habe teilweise selbst Verputzt, Wände gestrichen (das mache ich gerne und schon lange), gebohrt, gesägt, Fußboden verlegt und weiß ich nicht was alles.

Gehasst habe ich insbesondere die Kappsäge – ein mordsmässiges Werkzeug zum Leisten schneiden, etc.

Dankbar bin ich allen freiwilligen Helfern!!! (z.B. meinem Bruder, dem Tischler)  und natürlich den eingekauften Fachhandwerkern (Elektriker, Dachdecker, Heizungs- und Sanitärfachleuten, der Küchenfirma, sowie meinem Fliesenleger und Mann für viele Kleinigkeiten).

Ich denke, das Ergebnis kann sich soweit schon mal sehen lassen!

Irgendwann in 2016, wenn ich wieder die Nerven und das Geld dafür übrig habe, wird der Rest gemacht. Vor allem die Außenanlagen inkl. Fassade und Dächer.

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Meine Lieblingsecke – das Wohnzimmer mit Kamin

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und die Essecke dazu

der Flur in kreativ anstatt dunkel

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das Gäste-WC: hier muss noch nachgearbeitet werden

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die rechte Seite meiner Küche – die Küchenrückwand fehlt noch.

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Küche rechts – zumindest ein Teil davon

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der Weg nach oben – die Bildergalerie wird auch noch erweitert

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das Highlight im Flur ist die Lichtkuppel

ein traumhaft sonniges Kinderzimmer ist es geworden – in Mädchenfarben, aber wie immer chaotisch …

 

 

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unser neues Bad – von mir selbst verputzt, zwischendurch mit kleinem Drama …

Ein Bild von meinem Schlafzimmer lasse ich weg – das waren so schon genug persönliche Einblicke 🙂

 

Vorher sah es übrigens so aus … (Link)

Seit 9 Tagen schlafen wir jetzt in unserem Haus. Das unfertige Erdgeschoss nehmen wir gelassen hin, denn: Wir schlafen gut! Und das ist bei mir gewiss keine Selbstverständlichkeit. Das Klima ist prima (ich sag nur: atmungsaktive Lehmfarbe …), die Nachbarn sind ruhig und vorm Fenster hören wir meistens nur die Vögel vom Naturschutzgebiet am Herrenteich!

In der Dämmerung und nachts zischen die Fledermäuse um unser Haus – total spannend!

Und: Ich warte auf den Seeadler!

Wenn ich aus meinem Schlafzimmer blicke, sehe ich Richtung Herrenteich – zufuss sind es wohl 200 m und dort genießen wir diese Aussicht:

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Gänse fliegen schonmal direkt am Fenster vorbei und ich warte: Aauf den Tag, an dem ich auf der Vogelfluglinie über dem Herrenteich „unseren“ Seeadler entdecke – und hoffentlicht fotografieren kann!

Der Blick von meinem Dach – während der Not-Instandsetzung diese Woche bin ich die Leitern auch raufgeklettert – ist auch nicht schlecht:

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Mit ihm Bild (links): meiner neuer Schornstein. Die Heizungsanlage ist schon eingebaut; mein Kamin kommt bald 🙂

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